Peak Coding? Wie AI die Rolle von Software Engineers und CTOs verändert

Softwareentwicklung steht vor einer der größten Transformationen seit dem Aufkommen des Internets.
Viele Diskussionen drehen sich aktuell um Tools.
Um Copilots.
Um Prompting.
Um neue Frameworks.
Aber die eigentliche Veränderung liegt tiefer.
Sie betrifft die Rolle des Engineers selbst.
Und damit zwangsläufig auch die Rolle des CTO.
In meinem Podcast Becoming CTO Secrets habe ich darüber mit Stephan Schmidt gesprochen – ehemaliger CTO und mehrfacher Startup-Gründer.
Eine seiner Thesen klingt zunächst provokant:
„Peak Coding haben wir wahrscheinlich schon erreicht.“
Damit meint er nicht, dass Software weniger wichtig wird. Im Gegenteil. Software wird vermutlich mehr denn je produziert werden. Aber der Engpass verschiebt sich.
Software wird explodieren – aber Coding wird zum Commodity
Historisch war Programmieren eine knappe Fähigkeit. Man brauchte:
technisches Wissen
Erfahrung mit Architektur
Verständnis für Infrastruktur
tiefe Kenntnisse einzelner Technologien
Diese Knappheit bestimmte lange Zeit die Struktur von Tech-Organisationen. Engineering wurde zum Engpass. Mit AI beginnt sich dieses Gleichgewicht zu verschieben.
Code kann heute aber generiert, refaktoriert, analysiert und optimiert werden. Oft schneller als ein einzelner Entwickler es alleine könnte. Das bedeutet nicht, dass Engineers verschwinden. Aber ihre Rolle verändert sich.
Die entscheidende Frage wird künftig weniger sein:
„Kann jemand Code schreiben?“
Sondern eher:
„Kann jemand ein Problem lösen?“
Vom Coder zum Creator
Ein Gedanke aus dem Gespräch ist mir besonders hängen geblieben. Stephan unterscheidet zwei Typen von Engineers.
Coder
lieben Code selbst
optimieren Architektur
beschäftigen sich mit Technologien
Creator
wollen Dinge bauen
sehen Code als Werkzeug
fokussieren auf das Ergebnis
In den letzten 20 Jahren konnte man als Coder erfolgreich sein. Das Handwerk selbst war wertvoll. Mit AI verschiebt sich dieser Schwerpunkt. Der Creator-Teil gewinnt an Bedeutung.
Denn wenn Code immer leichter generiert werden kann, bleibt als entscheidender Faktor:
Problemlösung
Produktverständnis
Ownership
Warum der „Product Engineer“ wieder auftaucht
Interessanterweise ist diese Entwicklung nicht völlig neu. In den frühen Tagen der Softwareentwicklung waren viele Entwickler genau das:
Product Engineers.
Sie bauten:
Produktidee
Backend
Frontend
Infrastruktur
in Personalunion.
Mit zunehmender Komplexität entstand eine starke Spezialisierung:
Backend Engineers
Frontend Engineers
DevOps
QA
Product Manager
Product Owner
Diese Spezialisierung war eine logische Reaktion auf steigende technische Komplexität. AI könnte diesen Trend teilweise umkehren. Denn wenn viele technische Aufgaben automatisiert oder abstrahiert werden, kann eine Person wieder mehr Verantwortung übernehmen. Der Begriff, der dafür immer häufiger auftaucht: Product Engineer.
Ein Engineer, der nicht nur implementiert, sondern:
Produktentscheidungen trifft
AI-Tools nutzt
Architektur gestaltet
End-to-End Verantwortung übernimmt
Das eigentliche Problem vieler CTOs
In der Praxis sehe ich bei vielen CTOs ein anderes Problem. Sie werden zu Delivery Engines.
Alles prasselt auf sie ein:
Produktanforderungen
Vertriebswünsche
Marketinginitiativen
Kundenfeedback
Teamthemen
Das Ergebnis: Reaktivität.
Der CTO wird zum Umsetzer fremder Ideen.
Strategische Technologieführung findet kaum noch statt.
Dieses Muster ist nicht neu. Aber AI verschärft es.
Denn plötzlich erwarten viele Organisationen:
„Macht mal irgendwas mit AI.“
Ohne klare Vision.
Ohne Strategie.
Ohne Prioritäten.
Vision wird zur wichtigsten CTO-Aufgabe
Ein zentraler Punkt aus dem Gespräch war daher dieser: Viele Unternehmen verwechseln Produktideen mit Vision. Eine Produktidee kann in sechs Monaten umgesetzt werden.
Eine Vision beschreibt hingegen:
wo ein Unternehmen langfristig hin will
welche Rolle Technologie dabei spielt
welche Fähigkeiten aufgebaut werden müssen
Gerade in Zeiten technologischer Unsicherheit wird diese Orientierung entscheidend. Nicht weil jemand sicher weiß, wie die Zukunft aussieht. Sondern weil Organisationen Orientierung brauchen.
CTOs müssen deshalb wieder stärker Position beziehen, Prioritäten setzen und technologische Leitplanken definieren
Verschwindet die Rolle des CTO?
In manchen Diskussionen wird aktuell behauptet, AI könnte den CTO überflüssig machen. Ich halte das für sehr unwahrscheinlich. Denn die wichtigste Aufgabe eines CTO ist nicht, Technologie zu beherrschen. Sondern Technologie und Business miteinander zu verbinden.
Im C-Level entstehen ständig Zielkonflikte:
Wachstum vs. Stabilität
Geschwindigkeit vs. Qualität
Innovation vs. Kosten
Diese Konflikte lassen sich nicht rein technisch lösen. Sie müssen ausgehandelt werden. Und genau dort wird die CTO-Rolle sogar wichtiger.
Die eigentliche Transformation
Die Zukunft gehört vermutlich nicht den besten Codern.
Sondern denjenigen, die:
Technologie verstehen
Produkte verstehen
Organisationen führen können
Oder anders formuliert: Die wichtigste Fähigkeit eines CTO wird nicht sein, den besten Code zu schreiben. Sondern die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Die vollständige Diskussion im Podcast
Wenn dich diese Themen interessieren, hör dir unbedingt die vollständige Episode an.
Wir sprechen unter anderem über:
Peak Coding und die Zukunft von Softwareentwicklung
Product Engineers und die nächste Evolutionsstufe von Engineering
die Identitätskrise vieler Entwickler im AI-Zeitalter
warum CTOs oft zu reaktiv agieren
und wie Technologievision in unsicheren Zeiten entsteht
🎧 Die Episode findest du hier:
Becoming CTO Secrets – Folge mit Stephan Schmidt
Für CTOs, Tech Leads und angehende Führungskräfte
Wenn du selbst in Richtung CTO wachsen willst oder bereits in der Rolle bist, dann beschäftigen dich diese Fragen wahrscheinlich täglich.
Genau dafür gibt es die Becoming CTO Community.
Dort diskutieren wir regelmäßig Themen wie:
Tech-Strategie
AI-Transformation
Führung von Engineering-Organisationen
Karrierewege in Richtung CTO
Wenn du tiefer einsteigen willst, findest du alle Informationen hier.


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